Faszination Papier. Rembrandt bis Kiefer: Von Anonym bis Zobernig
2026 feiert die Albertina ihr 250-jähriges Bestehen seit ihrer Begründung durch Albert Herzog von Sachsen-Teschen! Inzwischen - durch universalistisch angelegte Sammlungstätigkeit von Zeichnungen und druckgrafischen Blättern namhafter Künstler:innen - zählt das Museum längst zur Weltspitze in Expertise und Kapazität. Der Bestand umfasst über eine Million Werke. Isofern lautet der Originaltitel natürlich „Faszination Papier - Rembrandt bis Kiefer“. Die Erwerbspolitik ging aber auch mit der Zeit und diese brachte neue Techniken und Materialien, sodass längst Fotografie, Zeichentrick-Film und zeitgenössische Objekte aus Karton vertreten sind. Summa summarum „...ein idealer Anlass, diesem reichen Schatz aus 600 Jahren Kunstgeschichte eine eigene große Ausstellung zu widmen“, freute sich Generaldirektor der ALBERTINA, Ralph Gleis, über die Konzeption vorab.
Das Herausfiltern der etwa 140 gezeigten Arbeiten aus diesem enormen Angebot und deren Gliederung in einzelne Themengruppen oblag drei Kuratorinnen, wobei diesmal auch eigenwillige Objekte das wohldosierte Licht der Ausstellungsräume erblicken, die sonst kaum in eine Schau passen – etwa der Plan de Turgot, eine Stadtkarte von Paris in 2D-Ansicht mit der minutiösen Darstellung von Palais, Klöstern, Spitälern, Barock- und Vorstadtgärten und unzähligen Booten auf der Seine, zusammengefügt aus 20 Druckplatten, die das Gesamtmaß von 2,49 m × 3,18 m (!) ergeben, fertiggestellt 1739 in einer Auflage von 2.500 Stück als Werbung weit über die Landesgrenzen hinaus, eben auch in Wien. Dessen österreichisches, zeitliches Pendant, die Karte von Hallstadt, zeigt - eingebettet in die Bergwelt - den Ort in seiner Blüte mit sämtlichen etwa 250 durchnumerierten Bürgerhäusern und namentlicher Auflistung, gezeichnet und aquarelliert von der Hand des Jacob Anton Premblechner in angemessenem Format. (Anmerkung: 1738 ist das Geburtsjahr von Sammler-Herzog Albrecht.)
Die ersten Blicke auf der Spur der Faszination Papier fallen auf zeitgenössische Arbeiten. Unverkennbar die Signatur von Peter Sandbichler mit seiner aus Fahrrad-Verpackungskarton quadrig gefalteten Wandverkleidung, teilweise mit schmalen Beleuchtungsfenstern akzentuiert. Das lässt schon ahnen: Papier ist nicht nur geduldig, es kann auch ganz anders! Unten in der Basteihalle angekommen prangt in der Ecke Birgit Knoechls voluminöser Scherenschnitt Out of Control_Revisited – The Autonomy of Growth oIV, gleichsam ein riesieg quillendes Konvolut aus geschlitzten Papierblättern, philodendronartig. Unmittelbar gegenüber wird Kontrast zelebriert, die Maße um zwei Nullen abgesenkt, von ca 350 x 450 x 150 cm auf 7 x 6 cm und der Zeitsprung beträgt gut 550 Jahre zurück: Ein schlichtes Herz, Das Heilige Herz, ein blaßrötlich kolorierter Holzschnitt, vor 1470, anonym (natürlich), mit einem deutlichen Schnitt im Herzfeld. Kein versehentliches Missgeschick, das nach Restaurierung ruft, sondern pure Semiotik des Lanzenstichs ins Herz Jesu, die klaffende Wunde! Daneben, in einer etwa handtellergroßen Radierung, setzte Lucio Fontana einen seiner bewussten Schnitte in L’épée dans l’eau (Schlag ins Wasser), 1962.
Es geht also um Papier, das Material als eigenständiger Gestaltungskörper bzw. als Bildträger, weiters um die Bearbeitungsmethoden bis zur Durchdringung von Papier. Gezeigt wird in der Folge die Vielfalt an künstlerischen Behandlungen durch Prägung, Druck(presse), Frottage, Zuschnitt/Ausschnitt, Schrotschnitt, Riss, Lasercut, Schichtung, Doppelbödigkeit, Re-/Upcycling, Kleben, Faltung, Bewegung. Man tut gut daran, sich auf die einzelnen Objekte einzulassen und auf deren Hintergründe – Methode, Entstehungszeit, Intention – und man tut gut daran, eine große Bereitschaft an Perspektivewechsel mitzubringen was Größe und Präsenz oder Miniatur anbelangt, aber auch hinsichtlich konkreter Darstellung bzw. Erzählung auf reine Gestik, Schablonen und grafische Monotonien. So wird der Pariser Stadtplan von Albrecht Dürers Meisterwerk Ehrenpforte für Maximilian I an Länge und Breite um einige Dezimeter übertroffen, 200 Jahre zuvor! Dieser Holzschnitt ist so haarfein gearbeitet, dass man über das Wie?! nachzusinnen beginnt... Umgekehrt wird das erwähnte Herzbildchen eindeutig von der gezeigten Rembrandt’schen Radierung Selbstbildnis mit aufgerissenen Augen, 1630, im Format 5,3 x 4,7 cm noch unterboten. Und auch die Meister des Schrotschnitts brachten diese Technik schon um 1450 zur höchsten Kunstfertigkeit und dürften die ältesten Ausstellungsstücke sein. Die japanischen Farbholzschnitte mit der Geschichte des Prinzen Genji bilden eine 26 Meter lange Papierbahn, die in aufgefalteter Form zur Ansicht gebracht wird.
Aber es geht nicht um das Ausloten von Superlativen, nicht nur. Die Themenkreise reichen von christlich-religiösen Darstellungen über die – sehr frühen sowie zeitgenössischen - grafischen Erfassungen des Firmaments. Dazu zählt auch das Bild Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir, 1997 des zweiten Namensgebers der Ausstellung, Anselm Kiefer. Gruppierungen von Bildern der Selbstfindung und Selbstbestätigung, aber auch Zerrbilder, Spott und Untergründiges werden einander gegenübergestellt. Die Erfindung des Bewegtbildes mittels bezeichneter Papierstreifen in Kreisanordnung samt Hands-On-Drehung findet den Gegenpol in der Architektur mit ihrem Anspruch des dauerhaft Statischen, im Modell für das Haus Rufer, 1922, aus dem Atelier von Adolf Loos. Außerhalb jeglicher Tradition, Stilrichtung oder Technik, einzig der – ironischen? - Idee verpflichtet, Kunst zu werden, gepaart mit zielgerichteter Sammelkonsequenz im Vorfeld, präsentiert sich Heimo Zobernigs Klopapierrollen-Objekt Ohne Titel, 2008, das aus geschätzten 600 Einzelteilen ein gebrochenes Röhrensystem bildet.
Mag sein dass es herausfordernd genug war, diese Fülle an Extravaganzen in eine Ausstellung zu bändigen. Mag sein, eine weniger mächtige und mit „Action-Elementen“ angereicherte Ausstellungsarchitektur hätte manche Blickrichtung einladender freigegeben. Erfreulich jedenfalls beim Hinausgehen noch einmal zu Angela Glajcars Objekt 2014-061 Terforation, 2014, hinaufzublicken. Der Lichteinfall durch die aufgerissenen Stellen der hintereinander geschichteten Blätter lässt eine „verkehrte Welt“ entstehen: einen schwebenden, lichtdurchfluteten Höhlengang, der aus dem All ins All führt. Auch das kann Papier.
11.12.2025 - 22.03.2026
Albertina
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Tel: +43 1 534 83 -0, Fax: +43 1 533 76 97
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