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Pierre Huyghe : Liminals: Das Gesicht verlieren

Einer größeren Kunstöffentlichkeit ist Pierre Huyghe durch seinen gelungenen Beitrag zur documenta 13 bekannt geworden: der Hund „Human“ mit seinem pink gefärbten Vorderbein, der einen städtischen Komposthaufen bewohnte und, nomen est omen, menschliche und nicht-menschliche Existenz poetisch miteinander verknüpfte, war einer der „Stars“ der damaligen Documenta. Ein deutlich düsteres, ja endzeitlichen Ökosystem inszeniert Huyghe nun in einer Heizkraftwerkhalle neben dem legendären Berliner Club „Berghain“ mit seiner Video-Installation „Liminals“, einer vor allem im Sound überarbeiteten Variante seiner 2014 in Venedig gezeigten Installation „Linimal“ (deutsch: im Schwebezustand befindend). 

Eine nackte, gesichtslose Frau - ein schwarzes Loch tritt computergeneriert an die Stelle des Gesichts - schleppt sich da durch ein menschenleeres, dystopisches Setting, dessen Anmutung irgendwo zwischen Mondlandschaft und Geröllwüste angesiedelt ist. In diesem lichtarmen und trostlosem Environment bewegt sich die Frau, wankt, torkelt fast und nähert sich so langsam einer riesigen Abrisskante. Immer wieder liegt die zerbrechlich wirkende Figur beinahe regungslos auf dem Boden, wohl erfolglos Kontakt suchend zu dem sich unaufhaltsam verändernden Untergrund. Dazu erklingen elektronische, laut Infotext ebenfalls computergenerierten Vibrationen im Raum. Installiert schließlich ist die Projektion des Films in einer ansonsten leeren und dunklen Betonarchitektur, was die beklemmend schleppende und atmosphärisch dichte Stimmung dann noch zusätzlich verstärkt.

Seltsamerweise kann die deutschsprachige Kunstkritik mit dieser eindringlichen Arbeit kaum etwas anfangen, die Schreibe ist zum Beispiel von „Kitsch“ (WELT) und von einer „absoluter Hohlheit“ (Zeit), die mehr auf technischen Aufwand setzt statt auf Inhaltlichkeit, letztere sei gar „problematisch“ (Welt). Nicht wahrhaben will man im bildungsbürgerlichen Feuilleton ganz offensichtlich die simple, aber überzeugende Aussage von „Liminals“: Angesichts der fortschreitenden Übermacht von Computer und KI sowie der inzwischen unabwendbaren Klimakatastrophe droht den zunehmend gesichtsloser, also „unindividueller“, blinder und sprachloser werdenden Menschen eine trostlose und einsame Zukunft in einer total denaturierten Umwelt.

Auch wenn die von der LAS Art Foundation betonte Bedeutung von KI und Quantentechnologe bei der Produktion dieser Video-Installation kaum sicht- und hörbar ist, letztlich also bloße Rhetorik bleibt, hat Pierre Huyghe mit „Liminals“ eine überzeugende Arbeit konzipiert, die einem an die Nieren geht und die man so schnell nicht vergessen wird.

Mehr Texte von Raimar Stange

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Pierre Huyghe : Liminals
23.01. - 08.03.2026

Halle am Berghain
10243 Berlin, Am Wriezener Bahnhof
Öffnungszeiten: Di-So 12-20 h


Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
Dystopes Nichts und Worthülsen
Dr. Ina Lange | 11.02.2026 11:44 | antworten
Mein Kommentar ist mein Beitrag in meinem Kunst-Blog und ich würde mich freuen, wenn Sie ihn als Ausdruck einer intensiv kunstinteressierten und durchaus erfahrenen Rezensentin mit Leidenschaft für das Genre sehen. Und gern auch kommentieren. https://inartberlin.com/2026/01/23/dystopes-nichts-und-technologische-worthulsen/

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