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Ramesch Daha - Mein Österreich: Blaupausen einer so gar nicht heilen Welt

Eine der wenigen Ausstellungen der nach zehn langen Jahren heuer zu Ende gehenden Ära von Nina Tabassomi als Leiterin der Kunsthalle Tirol ist die aktuelle. „Mein Österreich“ nennt die 1971 in Teheran geborene Ramesch Daha diese, die die erste in institutionellem Rahmen in jenem Land ist, in dem die gelernte Malerin seit 47 Jahren lebt. Bestückt ist sie mit Arbeiten, die sehr viel mit ihr und der Geschichte ihrer Familie zu tun haben, genauso wie mit dem Erstarken rechter Ideologien weltweit und letztlich dem Ort der Schau - war im Taxispalais doch zeitweise ein Postamt untergebracht.

Postkarten spielen in Ramesch Dahas „Mein Österreich“ eine zentrale Rolle. Allerdings keine, die in den Schlitz eines Postkastens passen würden, sondern als monumental aufgeblasene, direkt an die Galeriewände gemalte Blaupausen. Die aus den 1930er-Jahren stammenden Sujets transportieren das noch immer gängige Tirolklischee: Von Steinböcken bevölkerte verschneite Berge, friedlich daliegende Seen und sanft plätschernde Flüsse, genauso wie hübsche Dirndln und zünftige Burschen in Lederhosen, die lachend ihre Zähne fletschen und Hüte schwenken. Wären da nicht Texte, die diese „heile Welt“ empfindlich stören.

Sie sind Ausschnitte aus Protokollen mit zwei Tiroler Widerstandskämpfer:innen aus der Zeit des Austrofaschismus. Ausdruck einer Welt, die angesichts des aufkommenden Nationalsozialismus für sie ins Wanken kommt, die Zukunft ungewiss wird, die persönliche Freiheit zur Disposition steht. Ein Gefühl, das auf magische Weise eines der Bilder transportiert. Es zeigt vier kleine Kinder, die sich an den Händen halten und rennen. Ob im Spiel oder instinktiv vor ihrem Schicksal flüchtend, ist die Frage.

In ihrer verführerisch pastelligen Farbigkeit und schemenhaften Stilisierung, in der Schrift und Bild bzw. Kopf und Bauch kombiniert sind, berühren Ramesch Dahas Wandbilder nachhaltig. Sie initiieren suggestiv Nachdenkprozesse bezüglich unserer Verführbarkeit durch Bilder und Botschaften, so raffiniert verschlüsselt sie auch daherkommen mögen. Besonders kostbar werden die wunderbaren Blaupausen nicht zuletzt dadurch, dass sie nicht für die Ewigkeit gemacht sind, sondern nach dem Ende der Ausstellung in der Kunsthalle Tirol unter einer Schicht weißer Farbe wieder verschwinden werden. Hoffentlich im Gegensatz zu ihren in den Köpfen der Ausstellungsbesucher:innen implantierten Botschaften.

„1933 man sagt nichts“ heißt ein im heurigen Jahr entstandenes Video einer Bücherverbrennung der ganz besonderen Art und das in letzter Konsequenz klar macht, dass geistiges Kapital unausrottbar ist. Untermalt von Willi Forsts Lied „Man sagt nichts, man fragt nichts“ aus dem 1933 gedrehten Film „Das brennende Geheimnis“ – der auf Stefan Zweigs gleichnamiger und von den Nationalsozialisten verbotener Novelle beruht – gießt Daha in pathetischem Gestus geschmolzenes Glas auf ein Buch. Um es auf diese Weise mit Glas zu umhüllen, womit es zum zwar zerbrechlichen, aber für Flammen unangreifbaren Objekt wird.

Im Untergeschoß der Taxisgalerie taucht Ramesch Daha tief in die Geschichte ihrer eigenen Familie ein. Aufgehängt ist ihre zwischen 2017 und 2019 recherchierte „Unilimited History“ von Sigmund Klein, dem Vater des Stiefgroßvaters der Künstlerin. Eine Blaupause der Geburtsurkunde des 1894 in Mähren geborenen gelernten Spenglers, der als Jude 1938 nach Dachau deportiert und 1942 im KZ Ravensbrück ermordet wurde, zeigt die Schau genauso wie seine von Daha hyperrealistisch abgezeichneten Werkzeuge. Zu sehen sind aber auch die unzähligen Belege der Einzahlungen von Sigmunds Frau Maria über die Konzentrationslager, in denen ihr Mann interniert war. Ebenso zeigt Daha malerisch wie zeichnerisch subtil im Kleinformat kopierte Dokumente und Bilder aus dem familiären Archiv: Von seinem 1933 ausgestellten Reisepass, bis zu seinem Totenschein, seinem Gesellenbrief oder einem Hochzeitsfoto. Untermalt wird die Installation von einer Tonspur mit den von Ramesch Daha vorgelesenen Briefen, die Sigmund Klein aus den KZs an seine Familie geschrieben hat.

Mehr Texte von Edith Schlocker

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Ramesch Daha - Mein Österreich
14.03. - 07.06.2026

Taxispalais Kunsthalle Tirol
6020 Innsbruck, Maria-Theresien-Str. 45
Tel: +43 512 594 89 401
Email: info@taxispalais.at
http://www.taxispalais.art
Öffnungszeiten: Di-So 11-18, Do 11-20 Uhr


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