Marianna Simnett - Circus: Narzisstische Rebellion
Die in New York und Berlin lebende kroatisch-englische Künstlerin Marianna Simnett zeigt in der Wiener Secession eine Abfolge von drei multimedialen Installationen mit starker immersiver Wirkung. Darin lotet sie die Grenzen von Subjekt, Körper und Macht aus und versetzt die Betrachter:innen in eine Zwischenposition von Beobachtung und Transformation.
In allen drei Arbeiten wird deutlich, dass Handlung hier nicht primär als aktive Operation eines Subjekts verstanden wird. Vielmehr markieren imaginäre, häufig aus osteuropäischen Sagen entlehnte Gestalten Zustände, in denen Subjektivität, Körperlichkeit und Wahrnehmung fortwährend im Spannungsfeld zwischen Empathie, Schock, Unbehagen und kritischer Distanz verschoben werden.
Die erste in Dunkelheit getauchte Arbeit, Catherine Wheel, verbindet Skulptur, Soundtrack und Performance: Das laute, manische Lachen der Künstlerin, durch langes Kitzeln induziert, wird mit den Drehungen eines an der Decke befestigten balkanischen Trachtenrocks synchronisiert. Die Arbeit evoziert eine historische Dimension von Gewalt und Intimität, wobei die Figur in einem Zustand extrem narzisstischer Expressivität verharrt. Simnett inszeniert hier Ohnmacht und Fremdheit nicht nur als narrative Wirkung, sondern als strukturelle Bedingung ästhetischer Erfahrung – ein Muster, das Betrachter:innen zugleich aktiviert und entmachtet.
Marianna Simnett, Catherine Wheel
In der zweiten Arbeit, der Neoninstallation Fountain, reaktiviert Simnett das kunsthistorische Motiv der urinierenden Figur und referiert dabei auf die Neonarbeiten von Bruce Nauman. Anders als bei dem Amerikaner spritzt die Flüssigkeit hier mit gesteigerter Energie und nahezu rebellischer Wut. Die Geste des Hochhebens und Herunterlassens des Rocks, das bewusste Entblößen der Genitalien, destabilisiert tradierte Geschlechterkategorien und formuliert eine ambivalente, transgressive Heldinnenfigur. Hier wird Körperlichkeit zur politisch-ästhetischen Operationszone, in der Subjekt, Macht und Sichtbarkeit verhandelt werden.
Ein verstörendes Erlebnis des Unheimlichen und Unbekannten verspricht ebenfalls die Licht-Installation Faint with Light (2016) – eine vielfach gezeigte, beinahe ikonisch gewordene Arbeit von Marianna Simnett. In ihr verschränken sich Narration, digitale Bildtechnologien und posthumane Theorieansätze zu einem bewusst surreal aufgeladenen Szenario. Doch gerade diese ästhetische Verdichtung wirkt nicht nur suggestiv, sondern auch kalkuliert: Das Werk greift das Motiv der Ohnmacht auf – ein Bild, das kunsthistorisch eng mit den Pathologisierungen weiblicher Körper im Diskurs der Hysterie verbunden ist und bereits im Surrealismus als theatrales Symbol des Kontrollverlusts zirkulierte.
Marianna Simnett, Faint with Light
Dadurch entsteht ein Spannungsfeld zwischen kritischer Aneignung und ästhetischer minimalistischer Reinszenierung: Die historische Bildformel wird zwar aktualisiert, zugleich aber erneut in ein visuell verführerisches Spektakel überführt.
Offen bleibt, ob diese Werke die Wahrnehmung der Betrachtenden tatsächlich verändern – oder ob sie den Zustand, den sie inszenieren, lediglich ästhetisch perfektionieren. Gerade in dieser Ambivalenz zwischen kritischem Anspruch und sinnlich-emotioneller Intensität liegt die eigentliche Spannung von Simnetts Kunst.
Mehr Texte von Goschka Gawlik 06.03. - 31.05.2026
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