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Eleanor Antin. Eine Retrospektive: Selbstinszenierung

Hundert schwarze Gummistiefel stehen Schlange die Treppe hinauf zu den Oberlichtsälen des Kunstmuseums Liechtenstein. Eleanor Antin (geb. 1935) ist eine Schlüsselfigur aus den Konzeptkunstbewegungen der 1970er-Jahre. Als Pionierin der künstlerischen Selbstinszenierung erschafft und verkörpert sie fiktive Figuren und stellt mit tiefgründigem Humor und feinsinnigem Narrativ zentrale Fragen nach Identität, Geschichte und Repräsentation. Folgt man Antins ikonischer Arbeit „100 Boots“ (1971–1973) – ein abenteuerliches Road-Movie von Kalifornien bis nach New York ins MoMA, dokumentiert auf Postkarten, die von jeder Station an tausend Personen verschickt wurden – hat man schon ihre erste Videoarbeit „Representational Painting“ (1971) im Blick.

Künstlerische Selbstverortung und ausgeprägte Experimentierfreude stehen in ihrem Frühwerk im Vordergrund. Das Schminken wird zum malerischen Akt, 36 Minuten lang lässt sie teilhaben an einem intimen, selbsterkundenden Akt. Zum Schluss setzt sie sich mit kokettem Lächeln einen modischen Hut auf – bereit für die Außenwelt, das Werk ist vollendet. Bildhauerin und Skulptur zugleich ist Eleanor Antin in einem ihrer bekanntesten Werke „Carving: A Traditional Sculpture“ (1972). Die in 148 Fotografien dokumentierte Performance zeigt die naturalistische Transformation ihres Körpers während einer 37-tägigen (15. Juli 8:42 – 125 ½ lbs; 21. August 8:00 – 114 ½ lbs) strengen Diät.  

Seit den späten 1960er-Jahren erkundet Antin die fluide Existenz des Selbst. Sie schlüpft in verschiedene Rollen – König, Ballerina, Krankenschwester –, die unterschiedliche Identitäten, historische Bezüge und innere Widersprüche in sich tragen. Auf die „malerische“ Selbsterkundung folgt 1972 ihre zweite Videoarbeit „The King“ (52‘), in der sie ihr männliches Alter Ego zu verkörpern sucht. „Der König kam zuerst, als ich herausfinden wollte, wie mein männliches Selbst sein würde, wer er wäre. Und mir wurde klar, dass mein bärtiges Ich ein König war – ein Doppelgänger von Karl I, und dass Könige ein Land, ein Königreich haben müssen ‒ selbst wenn es ein verlorenes ist. Er wurde mein politisches Selbst.“

„Dann fragte ich mich, wer mein wunderbarstes, großartigstes, schönstes weibliches Selbst sein würde“, und so entstand die Ballerina. Das war auch die erste ihrer filmischen Installationen. Originalgetreu aufgebaut ist im Museum die Fassade eines alten Filmpalastes, es spielt „Loves of a Ballerina“ wie am Leuchtschild steht. Voyeuristisch durch ein Guckloch zu sehen ist ein Stummfilm mit Antinowa über das Publikum – Köpfe von Pappfiguren – hinweg. In diesem Saal läuft auch der erste Farbfilm „The Little Match Girl Ballet“ (1975, 26,30‘) nach dem Märchen von H. C. Andersen. Antin ist selbst die Darstellerin und erzählt von ihrem Traum – doch die fiktionale Ballerina endet als Sterbender Schwan in eisiger Kälte.

Antins dritte Persona – die Krankenschwester – sei ihre ambivalenteste und verschmitzteste Figur: Verführerin und Verführte zugleich, oszillierend zwischen Ausgeliefertsein und Handlungsmacht. Das Setting ist ein Bett und ein paar Kissen. Nurse Eleanor spielt alle Charaktere – aus Papier ausgeschnittene Figuren –, die sie sprechen, handeln, weinen, lachen und Sex miteinander haben lässt. Doch es wird noch dramatischer in „The Nurse and the Hijackers“ (1977). Ein Flugzeug wird von Öko-Aktivisten in die OPEC-Staaten entführt, damit diese kein Öl mehr verkaufen … nicht nur damals eine Prophezeiung knapp vor der Ölkrise. Neben dem 75 Minuten-Spielfilm sieht man das Modell eines Flugzeuginneren mit 28 Papierpuppen, darunter die fürsorgliche Nurse. Und dann noch die große Krankenschwester Eleanor Nightingale in „The Angel of Mercy“ (1977/1981, 66‘), die mitspielenden lebensgroßen Papierfiguren schauen in Vaduz ebenfalls der Story auf der Leinwand zu.

Erst in ihrem späteren Werk wird Antins Auseinandersetzung mit ihrem jüdisch-kulturellen Erbe deutlich: „Vilna Nights“ (1993–1997/2025) ist die kulissenhafte Installation einer Ruine, zerstört im Zweiten Weltkrieg, durch die aufgebrochene Mauer blickt man auf drei berührende filmische Szenen. Und „The Man Without a World“ (1991, 98‘), ein in die Zeit vor dem Holocaust verlegter Stummfilm.

Zum Abschluss „CARVING: 45 Years Later“ (2017). Eleanor Antin fotografiert sich wieder, und zwar als 82-jährige alte Frau. Dreimal so lange dauert diesmal die Diät, um das Zielgewicht zu erreichen, täglich dokumentiert mit insgesamt fünfhundert Schwarz-Weiß-Fotografien – alle gehängt. Und gegenüber Eleanor Antins Selbstporträt als Superwoman „!!!“ (2017) – in Unterwäsche und mit rotem Cape. Ein Abbild, das sinnbildlich wieder ihren Humor, die Kraft und eine schonungslose Selbstreflexion vereint.  

Die erste große – vom Mudam Luxembourg initiierte – Retrospektive in Europa zeigt, wie aktuell und wirkmächtig das vielschichtige Œuvre von Eleanor Antin geblieben ist.

Mehr Texte von Martina Pfeifer Steiner

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Eleanor Antin. Eine Retrospektive
27.03. - 27.09.2026

Kunstmuseum Liechtenstein
9490 Vaduz, Städtle 32
Tel: +42 3-235 03 00, Fax: +42 3-235 03 29
Email: mail@kunstmuseum.li
http://www.kunstmuseum.li
Öffnungszeiten: Di-So 10-17, Do 10-20 h


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