Die Kunst des Lügens
Braucht es wirklich „dringend neue Lügen“, fragt der Kunstraum Niederoesterreich in Anlehnung an einen 2005 erschienenen Song der Band Tocotronic im Pressetext zum Jahresprogramm 2026. In Zeiten in denen immer mehr Politiker:innen die Wahrheit zugunsten eigener Narrative einfach ignorieren, in denen rechte Ideologien und Hasserzählungen in den „Sozialen“ Medien algorithmisch propagiert werden, sind positive Gegenerzählungen rar geworden. Kann es Sinn machen, dem rückwärtsgewandten faschistoiden medialen Geschrei, einfach neue, progressive Lügen entgegenzusetzen?
Während diese Frage unter politischen Aktivist:innen durchaus ernsthaft diskutiert wird, will der Kunstraum Niederoesterreich unter dem Jahresmotto Fragile Fictions einmal mehr künstlerische Imagination nutzbar machen, um den narrativen Strategien des Populismus Erzählungen gegenüberzustellen, die unseren Wirklichkeitssinn stärken und positiven Utopien Raum geben.
Drei Ausstellungen hat die künsterische Leiterin Frederike Sperling mit dem Team des Kunstraum vorbereitet, um ihr Anliegen dem Publikum nahe zu bringen. Die in Bombay, Indien geborene und in London lebende Kuratorin Kinnari Saraiya, setzt in ihrer Ausstellung She, Who Dwells in the Shadows auf Erzählungen, die jenseits etablierter Wissenskanäle existieren und begibt sich auf die Suche nach alternativen, vergessenen Welten. Attitude Era, die zweite, von Frederike Sperling und Pia Wamsler kuratierte Ausstellung dieses Jahres, setzt der heutzutage üblichen politischen Show künstlerische Stategien entgegen, die ihr subversives Potential subtil und humorvoll ausspielen. Die Idee der Ausstellung basiert auf den Betrachtungen der US-amerikanischen Autorin Abraham Josephine Riesmann, die den gegenwärtigen Politikstil (Donald Trumps) vor dem Hintergrund der Spektakelkultur des Wrestling betrachtet. Nicht zuletzt war ihr Buch über den Wrestling-Star und Trump-Unterstützer Vince McMahon einer der New York Times Bestseller des Jahres 2023. Das emanzipatorische Potential von Erzählungen untersuchen Sarah Johanna Theurer und Aditi Kapoor in ihrer Ausstellung Subterranean, die ab September im Kunstraum Niederoesterreich zu sehen sein wird. Sie untersuchen dabei visuelle und akustische Medien auf ihr Potential, neue narrative Räume zu eröffnen.
Noch bis zum 22. März läuft die ⤇ Ausschreibung zum H13 Niederösterreich Preis für Performance, der dann im November verliehen wird.
Diverse Vermittlungsangebote, sowohl digital als auch vor Ort, sowie in der Workshop-Reihe Body Talks kann der Kunstraum jenseits der üblichen Verhaltensregeln in Ausstellungsräumen erlebt werden. Mit seinem Programm verhandelt der Kunstraum Niederoesterreich zeitaktuelle gelsellschaftliche Themen mit hohem politischen Anspruch. Keine Selbstverständlichkeit in politisch unruhigen Zeiten.
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