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Iris Andraschek - Würdigungspreisträgerin bildende Kunst 2025: Würde

Das Charmante am niederösterreichischen Kunstpreis ist, dass er eine Selbstermächtigung als Vorbedingung hat, nämlich sich als würdigenswert zu erachten und sich für die Würdigung bzw. Anerkennung durch eine Fachjury zu bewerben. Seit 1960 existiert dieses jährliche Prozedere, wobei schließlich 1983 erstmals eine Frau das Hauptpreisgelt errang. Nun, 2025 ist Iris Andraschek Würdigungspreisträgerin für bildende Kunst[1] und die entsprechende Ausstellung läuft bereits seit November in der Landesgalerie Niederösterreich in Krems. Die Auswahl der Werke, die das vielseitige Schaffen der Künstlerin veranschaulichen, erfolgte durch den Chefkurator des Hauses, Hubert Nitsch, der 2023 seine „Antrittskuratierung“ in NÖ mit der Würdigungsausstellung für Franka Lechner hatte.

Die eben zitierte Vielseitigkeit bezieht sich bei Iris Andraschek (*1963, Horn) nicht nur auf Grafik, Fotografie, Film und Objektkunst, sondern bereits bei der ersten und jüngsten gezeigten Werkgruppe wird die Kreativität in der Wahl der Techniken deutlich: Galvanisierte Pflanzen! – Die feingliedrigen Objekte an der lichtdurchfluteten Wand sind keine Relikte jenes legendären König Midas, dem alles zu Gold wurde, das er berührte, sondern die Künstlerin findet jeweils adäquate Ausdrucksmittel für ihre Anliegen. So umhüllt der jeweilige mattere oder strahlendere Glanz von Kupfer, Zink, Blei, Aluminium, ja auch Gold die zarten, kräuseligen Formen der getrockneten Flora - fast eine (vermutlich ungewollte) Analogie zu den Särgen der Habsburger in der Kapuzinergruft - jedenfalls ist es eine Aufwertung für die solcherart konservierten Lebewesen, denen zusätzlich metallene Sprechblasen zugeordnet werden. Etwa: „Alles, was sich mischt, findet immer an Grenzen statt“ oder „Ich habe in Rumänien vor zwei Jahren ein Feld gesehen, das hatte eine Seitenlänge von fünf Kilometern“. Die Pflanzen werden quasi in den Rang von Gesinnungskomplizinnen erhoben.

Dominierend im gedimmten Hauptraum ist ein weitläufiges Stadtmodell in Bodennähe, Sapun Ghar, seit 2016. Aus tausenden olivbraunen Bauklötzchen akribisch aufgebaut, stehen ruinenhafte Mauersilhouetten entlang von geradlinigen Straßenzügen, Relikte von Rundtürmen, Gebäudereste... Der Duft, der den Raum erfüllte, hat sich verflogen. Die „echte“ Stadt – Aleppo – liegt in Trümmern. Erhalten hat sich die Tradition der Herstellung von Aleppo-Seife, die von syrischen Flüchtlingen an der türkischen Grenze mit einfachsten Mitteln aufrecht erhalten wird. Es ist eine Naturseife aus Olivenöl mit dem typischen, duftenden Lorbeeröl-Zusatz, in charakteristischer Würfelform und mit Stempelprägung. Diese aus Seifenstücken nachempfundene Ruinenstadt wird an den Wänden von Großprojektionen über den Herstellungsprozess umrahmt. Öl wird zu Seife, Seife wird zu Baustoff, Bedrohung findet Ausweg, Realität findet geschichtliche Assoziation, etwa Ovids Metamorphosen-Erzähling von Daphne, die sich in einen Lorbeerbaum verwandelte – aus diesen Ingredienzien verdichtet Andraschek ihre Geschichten.

Eine Reihe von großformatigen Grafiken darf nicht fehlen. Natur wird eingefangen, gebannt mit glänzendschwarzem Blei-Stift und Tusche auf Vellum, jenem pergamentartigen Transparentpapier, das einen weich wirkenden Untergrund bietet. Schwarzes Eichenlaub und orientalisch anmutendes Ornament bilden einen Rahmen, hinter welchem sich ein ernst blickender Männerkopf zu verbergen scheint, aber doch auch beobachtend hervorlugt. Cornflake Girl, 2016. Es muss Mr. Will Keith Kellogg sein... Das Rätsel bleibt.

Die Ausdruckskraft und die Symbolträchtigkeit von Teppichen lotet Iris Andraschek immer wieder aus, bevorzugt im Aussenbereich, d.h. auf Gehsteigen, in Begegnungszonen. In der Ausstellung werden die Schablonen für Teppiche aus der Serie Ich bin hier., 2021/22 gezeigt, deren Muster in weißer Farbe im öffentlichen Raum in Krems überall dort ausgerollt wurden, wo jüdische Frauen gewohnt oder gearbeitet hatten. Dazu gab es auch Schablonen mit dem Namen und Schicksal der Person. Ein Fotodokument zeigt ein Mädchen in einem Originalsetting von 2021. Als Vorboten zur aktuellen Ausstellung wurden zwei dieser weißen Muster-Teppiche vor der Landesgalerie NÖ aufgetragen. Ikonisch hat sich das Künstlerpaar Andraschek-Lobnik schon 2001 mit ihrer Arbeit Life between Buildings – Lebensbaum und Kalaschnikow dauerhaft in der Stadt eingeschrieben: 21 Teppiche mit Musterinhalten aus aller Welt wurden mit bunten Mosaiksteinen auf dem Campus der Universität für Weiterbildung Krems im Boden eingelassen.

Der Spürsinn für spezielle Stimmungen und das Wahrnehmen konkreter Momente im Alltagsgeschehen - von Augenblicken des Feierns, der Fadesse, der spannungsvollen Belanglosigkeit und unvermutet wahrgenommener Schönheit im Abseits – sind die Triebkräfte für Andrascheks fotografische und filmische Arbeiten und durch ihren Blick erfahren die Subjekte und Objekte vor der Kamera eine Würdigung. Einzelne Fotoserien, z. B. auch Portraits, die durch technische Eingriffe speziell gestaltet wurden, und eine Fotowand zeigen ausgewählte Sujets aus über 30 Jahren.

Im Kontrast zum Festhalten von Situationen in einem Bild versetzt die Künstlerin Wasser in Bewegung. Die Aquarien mit ihrem klaren, wallenden Wasser und den darin schwebenden Dingen faszinieren durch die verspielte Freiheit und Leichtigkeit der Bewegung. Und dennoch spiegeln sie den Zustand einer (unwürdigen Wegwerf-) Konsumgesellschaft, denn letztlich sind jener Kunststoffbecher, die Plastikschnur und das Badetrikot nicht nur im falschen Medium, sie treiben feuchtfröhlich ihrem Abrieb entgegen. Schon 1992 befasste sich Andraschek mit dieser Umwelt-Thematik / Problematik und schuf die ersten Aquarien. - „In ihren Arbeiten beschäftigt sich Andraschek mit dem Zusammenspiel von Öffentlichkeit und Privatheit, mit gesellschaftlichen Utopien, Erinnerungskultur und der Beziehung von Mensch und Natur. Sie ist überzeugt, dass jedes engagierte Handeln politisch wirksam werden kann“, lautet ein Teil der Begründung für den Würdigungspreis, neben der künstlerischen Qualität ihrer Arbeiten und ihrer nationalen wie internationalen Aktivitäten.

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PS: Das zuoberst genannte Charmante der Aufforderung zur Selbstermächtigung birgt natürlich Diskussionsstoff. Die Möglichkeit der wiederholten Einreichung birgt Chancen. Der Vergabemodus und die Kategorien änderten sich bereits mehrmals.

Alle Priesträger:innen: https://kulturpreis.noel.gv.at/preistraeger/

[1] Bereits 2010 erhielt sie den Preis für Kunst im öffentlichen Raum gemeinsam mit Hubert Lobnik.

Mehr Texte von Aurelia Jurtschitsch

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Iris Andraschek - Würdigungspreisträgerin bildende Kunst 2025
29.11.2025 - 03.05.2026

Landesgalerie Niederösterreich
3500 Krems, Museumsplatz
Tel: +43 2732 908010
Email: office@lgnoe.at
http://www.lgnoe.at
Öffnungszeiten: Di-So 10-18 h


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