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Justus Bier Preis für Kuratoren geht an Kito Nedo

Kito Nedo wurde 1975 in Leipzig geboren. Er studierte Kulturwissenschaften, Neuere und Neueste Geschichte sowie Publizistik in Leipzig, Berlin und London. Seit 2006 arbeitet er als freier Journalist, Autor und Kritiker für verschiedene deutschsprachige und internationale Medien. Seine Artikel zu den Themenfeldern Kunst, Kunstmarkt und Kulturpolitik erschienen unter anderem in der Süddeutschen Zeitung, taz – Die Tageszeitung, Artforum, Art – Das Kunstmagazin und Monopol Online. 2017 wurde er mit dem ADKV-Art-Cologne-Preis für Kunstkritik ausgezeichnet. Von 2019 bis 2022 war er als Contributing Editor für das frieze Magazine tätig. Seit Ende 2024 arbeitet er als freier Redakteur für die Kulturprojekte Berlin. Kito Nedo ist der Autor zahlreicher monografischer Katalogbeiträge zur zeitgenössischen Kunst, er schrieb unter anderem über Robert Lippok, Henrike Naumann, Eberhard Havekost oder Albert Oehlen. »Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau« war seine erste größere thematische Ausstellung. Er lebt in Basel und Berlin.

Begründung der Jury:

Der Justus Bier Preis widmet sich seit 2009 Ausstellungsprojekten und Publikationen, die durch eine originelle Themenstellung und eine fundierte fachliche Aufarbeitung beeindrucken. Nach Ansicht der Jury verbindet das von Kito Nedo kuratierte Ausstellungsprojekt „Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau“, DAS MINSK, Kunsthaus in Potsdam, 6.9.2025 bis 8.2.2026 beide Aspekte auf exemplarische Weise.

Die Ausstellung überzeugt durch ihre kuratorische Konzeption, historische Tiefenschärfe und gesellschaftliche Aktualität. Sie widmet sich dem ostdeutschen Plattenbau nicht als nostalgischem Relikt oder sozialhistorischer Randnotiz, sondern als ambivalentem Erbe der Moderne – und damit als Schlüsselthema gegenwärtiger Debatten um Wohnen, Gemeinschaft und soziale Verantwortung.

Der programmatische Titel „Wohnkomplex“ entfaltet eine produktive Doppelbedeutung: Er verweist zugleich auf die architektonische Typologie wie auf die sozialen, politischen und emotionalen Verflechtungen des Wohnens. Die Ausstellung macht sichtbar, dass der Wohnungsbau der DDR Teil einer internationalen Moderne war – getragen von dem Anspruch auf soziale Gleichheit, kollektive Fürsorge und Fortschritt, zugleich aber geprägt von Normierung, Kontrolle und strukturellen Widersprüchen. Der Plattenbau erscheint hier weder verklärt noch pauschal delegitimiert, sondern als historisch gewachsenes Projekt mit offenen, bis heute wirksamen Fragen.

Besonders hervorzuheben ist die außerordentliche Qualität und überraschende Vielfalt der künstlerischen Arbeiten, die historische DDR-Positionen mit zeitgenössischer Kunst auf Augenhöhe zusammenführen. Die Ausstellung versammelt Werke u. a. von Karl-Heinz Adler, Sibylle Bergemann, Kurt Dornis, Markus Draper, Wolfram Ebersbach, Nina Fischer & Maroan el Sani, Seiichi Furuya, Peter Herrmann, Sebastian Jung, Harald Metzkes, Sabine Moritz, Henrike Naumann, Manfred Pernice, Uwe Pfeifer, Sonya Schönberger, Nathalie Valeska Schüler, Wenke Seemann, Robert Seidel, Christian Thoelke, Stephen Willats, Ruth Wolf-Rehfeldt. Die Werke der genannten Künstlerinnen und Künstler fungieren dabei – dies ist hervorzuheben – nicht als illustrative Belege, sondern als eigenständige und vielstimmige Reflexions- und als Resonanzräume unterschiedlicher Erfahrungen. So eröffnen sie dem Publikum vielfältige Perspektiven. Sie verhandeln die Wohnung, das Haus und die Großwohnsiedlung als Orte von Gesellschaft und Isolation, als Räume staatlicher Fürsorge, Planung und Kontrolle, ebenso wie als Feld individueller Aneignung, Erinnerung und Widerständigkeit. Die Verschränkung von Fotografie, Malerei, Installation, und Film erzeugt ein vielstimmiges Narrativ, das individuelle Erfahrungen mit strukturellen Bedingungen verbindet.

Eine besondere Stärke der Ausstellung liegt in der Einbindung des Ausstellungsortes selbst. Das MINSK – ein ehemaliges DDR-Terrassenrestaurant – wird nicht als neutrale Hülle verstanden, sondern als historisch aufgeladener Resonanzraum. Architektur, Ausstellung und kuratorisches Narrativ greifen in dem von der Kooperative für Darstellungspolitik entwickelten Display präzise ineinander und machen Geschichte räumlich erfahrbar.

Flankiert wird das Projekt durch eine von Lamm & Kirch gestaltete Publikation im Distanz Verlag, redaktionell betreut durch Kevin Hanschke und Ulrike Techert, die den konzeptionellen Anspruch der Ausstellung auf überzeugende Weise fortschreibt. Der Band überzeugt durch gestalterische Klarheit, inhaltliche Tiefe und die sorgfältige Verbindung von Bild, Text und Kontextualisierung – und etabliert „Wohnkomplex“ nachhaltig als Referenzprojekt über die Laufzeit der Ausstellung hinaus.

„Wohnkomplex“ entfaltet seine besondere Relevanz im Spannungsfeld von Vergangenheit und Gegenwart. Angesichts aktueller Wohnungsnot, Gentrifizierungsprozesse und sozialer Spaltung öffnet die Ausstellung den Blick für historische Erfahrungen und unvollendete Potenziale kollektiven Wohnens, ohne einfache Antworten zu liefern.

Mit „Wohnkomplex“ legt Kito Nedo eine Ausstellung vor, die historische Analyse, künstlerische Qualität und gesellschaftliche Verantwortung verbindet. Sie steht damit in besonderem Maße für die kuratorischen Werte, die den Justus Bier-Preis auszeichnen.

⤇dasminsk.de

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Abbildung: Kito Nedo in der Ausstellung "Wohnkomplex", Foto © Lee Everett Thieler 

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