Wiener Wunderwelt
Die Neuaufstellung der Schausammlung Wien 1900 von Markus Schinwald.
Geht man von der großen Halle des MAK durch das Portal auf dem „Wien 1900“ steht, gelangt man neuerdings in einen Vorraum mit Wänden mit dunkel getünchter, reich geschwungener Kehlung und ist zuallererst etwas verunsichert, ob der Dimensionen einer durchaus vertrauten Form: Schmuckkästchen, Bucheinband, Kommode oder vielleicht Fassade? Alles könnte es sein, doch ist es in diesem Fall ein rekonstruiertes Fassadendetail eines temporären Pavillons von Joseph Hoffmann. Man denkt an all seine Entwürfe auf kariertem Papier, bei denen man sich nie sicher sein kann, ob es sich etwa um eine Brosche oder einen Grundriss handelt. Genau so fühlt es sich an, steht man in dieser Transitzone an der Schwelle zu Schinwalds Erlebniswelt in drei Akten.
Bereits der frühere Direktor Peter Noever hatte bei der Wiedereröffnung des Hauses nach umfangreicher Sanierung 1993 auf künstlerische Interventionen der Sammlungsräume gesetzt, ein Nachfolger hat die Idee nicht ganz so begeistert weiterverfolgt und lediglich zwei Bereiche erneuern lassen, einer davon „Wien 1900“, für den der damalige MAK-Kustos und Kurator Christian Witt-Dörring die Sammlungspräsentationen „Art Deco & Jugendstil“ mit „Wiener Werkstätte“ zu einem prägnant didaktischen Parcours von zeitloser Eleganz fügte. (⤇ das artmagazine berichtete)
Generaldirektorin Lilli Hollein hat sich in ihrer Amtszeit mit Markus Schinwald wieder für die Neuadaption durch einen Künstler entschieden. Sein Zugang ist freilich ein anderer, dennoch wissenschaftlich eingearbeitet hat er sich in seine künstlerische Aufgabe wohl auch wie selten jemand zuvor. Hier ist er Künstler, Kurator, Szenograph in Personalunion, das Ergebnis ist, wie er es formuliert, „was ich als Künstler sehe, wenn ich wie ein Historiker schaue“ – und das ist viel und viel gleichzeitig.
Schinwald geht es nicht um ein Defilee von chronologisch geordneten singulären Exponaten oder eine stilistische Entwicklungsgeschichte, sondern um Ideengeschichte, um die assoziative Inszenierung von Phänomenen durch signifikante durchaus bekannte Objekte in mitunter überraschenden Konstellationen. Und Schinwald scheut nicht den Einsatz von KI für die Rekonstruktion der Farbigkeit von Interieurs, optische Effekte wie Agamograph, Spiegelung, Lentikulardruck (Wackelbilder), den es tatsächlich bereits seit 1908 gibt, oder die Gegenüberstellung von Spitzen und nahezu zeitgleichen Silhouettenfilmen.
Nach dem ersten Raum, der gleich einer Wunderkammer durch Vielfalt Eindruck schafft, geht es im mittleren um das (Ein-)ordnen, Zusammenfassen und Kontextualisieren einzelner Bereiche, nach Materialien, Funktionen sowie Fragestellungen, die bislang nicht Teil des Narrativs dieser Sammlungspräsentation waren: Antisemitismus, Kolonialismus, Frauenrechte und -bildung etwa, wie auch die pädophilen Neigungen von Adolf Loos und Peter Altenberg. Die Antworten hierauf finden sich in eine Reihe von Schubladen. Die Notwendigkeit derlei zu thematisieren ist unbestritten, dennoch wirken die schubladisierten Inhalte in der lustvollen Schinwaldschen Theatralik als Appendix.
Im letzten Saal schließlich, in dem durch eine Wendeltreppe erreichbar, auch das Archiv der Wiener Werkstätte untergebracht ist, denkt man bei den Sockel- und Vitrinenelementen unweigerlich an überdimensionierte Schubladen, die in den Raum ragen. Die Zusammenstellung der Objekte folgt den verschiedenen Kriterien des Sammelns und Bewahrens nach Motiven, Materialien, das fixieren auf Schautafeln, wie etwa Beschläge. Bei allem multimedialen Zauber, steckt hinter dieser kurzweiligen Präsentation viel Wissen – auch des begleitenden MAK-Teams- sowie eine kluge Didaktik, die gewiss auch Generationen anspricht, die das seit den 1980er Jahren gängige Narrativ der Wiener Moderne mit seinen Säulenheiligen auch nicht vom Hörensagen kennen.
Teilen









